Wenn man „Kia“ hört, denkt man an praktische SUVs, solide Garantieversprechen und vielleicht noch an den Ceed von der Mietwagenstation am letzten Urlaubsort. Doch dann taucht plötzlich ein Auto auf, das mit 585 PS, 740 Nm Drehmoment und einer 0-100 km/h-Zeit von 3,5 Sekunden daherkommt – und plötzlich steht Kia im gleichen Satz wie Porsche Taycan, Tesla Model 3 Performance und BMW i4 M50. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Kia, der Sportwagen das Fürchten lehrt. Doch ist der EV6 GT wirklich ein ernstzunehmender Elektro-Sportler oder einfach nur ein schnelles Familien-SUV mit Allrad? Finden wir es heraus.



Design und erster Eindruck – eher GT oder eher SUV?
Auf den ersten Blick ist klar: Der EV6 GT will auffallen. Seine Front wirkt muskulöser als die der zahmeren EV6-Varianten, grosse Lufteinlässe und eine tiefere Schürze unterstreichen die sportlichen Ambitionen. Die 21-Zoll-Felgen füllen die Radhäuser perfekt aus, während die leuchtend grünen Bremssättel die Kampflust unterstreichen. Am Heck sorgen ein Diffusor und eine Spoilerlippe für die gewisse Portion Aggressivität.
Mir gefällt die Form nicht so recht – irgendwie weder Kombi noch SUV. Das Beste aus beiden Welten oder auch nicht? Ein Crossover durch und durch – bei Doug DeMuro würden die „Quirks & Features“ schon beim Aussendesign beginnen. Erinnert nur mich die silberne Leiste unterhalb der Heckscheinwerfer an Harald Glööckler?




Im Innenraum bleibt es sportlich-elegant. Die mit Alcantara bezogenen Schalensitze bieten hervorragenden Seitenhalt, das Cockpit ist fahrerorientiert gestaltet und die beiden 12,3-Zoll-Bildschirme liefern alle relevanten Informationen.
Etwas viel Klavierlack, aber Materialwahl und Verarbeitung stimmen. Besonders markant: der neonfarbene „GT“-Knopf am Lenkrad. Einmal gedrückt und der EV6 verwandelt sich von einem alltagstauglichen Elektro-SUV in ein Auto, was sich den Artikel bei „Elektrosportwagen.ch“ verdient hat…

Fahrverhalten
Im „Normal“-Modus fährt sich der EV6 GT wie ein zivilisiertes Elektroauto: angenehm leise, sanfte Lenkung und straff gefedert aber nicht unkomfortabel. Perfekt für den Alltag, das Pendeln zur Arbeit oder den Familienausflug.
Doch wer nur dafür 585 PS bestellt, hat das Konzept eines GT-Modells nicht verstanden. Also: „GT“-Modus aktiviert, Pedal durchgedrückt – und plötzlich wird es ernst. Der Allradantrieb jagt die gesamte Leistung auf die vier Räder und der Kia katapultiert sich mit einer Brutalität nach vorne, die einem die Nackenmuskulatur ordentlich beansprucht. Die 3,5 Sekunden auf 100 km/h fühlen sich absurd an – besonders in einem Auto, das fast 2,2 Tonnen wiegt.
Doch was passiert in den Kurven? Hier zeigt sich, dass der Kia zwar schnell, aber kein reinrassiger Sportwagen ist. Das hohe Gewicht ist spürbar, die Lenkung ist direkt, aber nicht messerscharf. Dank des elektronisch gesteuerten Sperrdifferenzials und Torque Vectoring bleibt das Auto dennoch erstaunlich lange neutral, bevor die Physik dann doch eingreift. Auf der Autobahn ist er souverän, auf kurvigen Landstrassen durchaus spassig – aber der GT-Charakter bleibt erhalten, während der Konzernbruder IONIQ 5 N mit noch etwas mehr kompromisslosem Sportsgeist punktet.



Alltagstauglichkeit und Reichweite – ein echter GT für lange Strecken?
Der Innenraum ist geräumig, selbst auf der Rückbank gibt es genug Platz für Erwachsene, und der Kofferraum bietet 480 Liter Stauraum – perfekt für lange Reisen. Also ein klassischer Gran Turismo? Nicht ganz.
Denn dann kommt die Reichweite ins Spiel. Mit 424 km nach WLTP ist der EV6 GT weit von den Langstrecken-Qualitäten seiner schwächeren Brüder entfernt. Wer ihn sportlich fährt, sollte eher mit realistischen 300–350 km Reichweite rechnen. Doch es gibt einen Lichtblick: Dank der 800-Volt-Technologie kann er in nur 18 Minuten von 10 auf 80 % geladen werden – wenn man eine passende Schnellladestation findet.

Vergleich: Kia EV6 GT vs. Hyundai Ioniq 5 N – der brüderliche Schlagabtausch
Und dann wäre da noch der Konzernbruder Hyundai Ioniq 5 N – ein Auto, das sich ebenfalls als Elektrosport-Crossover beschreiben würde. Der Ioniq 5 N ist das lautere, wildere Geschwisterkind. Mit bis zu 650 PS im „N Grin Boost“-Modus schlägt er den Kia in Sachen Power und setzt auf ein deutlich verspielteres Setup. Er simuliert Gangwechsel, hat einen künstlichen Sound und gibt sich kompromissloser auf der Strecke. Kia hingegen bleibt der alltagstauglichere GT – mehr Komfort, weniger Krawall.
Aber: Mit dem kommenden Facelift wird der Kia EV6 GT noch einmal nachgeschärft. Kia hat den 77,4 kWh-Akku gegen eine grössere 84 kWh-Batterie getauscht, was die Reichweite von 424 km auf bis zu 450 km erhöhen wird.
Fazit: Elektro-Sportwagen oder Performance-Crossover?
Der Kia EV6 GT war bei seinem Debüt ein Vorreiter für viel Leistung zu einem fairen Preis. Heute ist das Segment stärker umkämpft, doch dank 800-Volt-Technologie, Launch-Control und einer überarbeiteten Batterie hat er sich gut gehalten. Mit dem Facelift verbessert Kia gezielt die Reichweite, die Ladegeschwindigkeit und die Performance, um den GT weiterhin als konkurrenzfähige Alternative im Elektro-Performance-Segment zu positionieren.
Schnell, guter Restkomfort, Inkognito (ggü. dem IONIQ 5 N) und mit einer Portion Fahrspass, die viele nicht erwarten würden. Wer ein Track-Tool sucht, wird hier nicht fündig – dafür bietet der EV6 GT eine faszinierende Mischung aus Langstreckenkomfort und brachialem Vortrieb, die ihn sowohl für Alltagspendler als auch für Überholjunkies interessant macht. Ist er ein reinrassiger Elektrosportwagen? Nein. Ist er der unterhaltsamste Kia aller Zeiten? Definitiv!
Unser Verbrauch lag im Schnitt bei 24.3 kWh. Der Basispreis beginnt bei CHF 77’900 CHF, der Testwagenpreis lag bei 80’230 CHF.
Der Elektrosportwagen.ch-Konfigurationstipp:
Aussenfarbe Snow White Pearl
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