Es ist wieder so ein Gang nach Draussen, an dem ich eigentlich genau vor mir sehe, was sich als MINI-Enthusiast als automobile Freude anfühlt. Ein kleiner, frecher Mini in tiefem Dunkelblau, schwarzes Kontrastdach, diese markanten JCW-Speichenräder, der Schwarzwald wartet und ich erinnere mich an 2012, als ich meinen ersten JCW-Dreitürer Stück für Stück zum Clubsport-Tool umgebaut habe – KW-Fahrwerk, Recaro Pole Position, Wiechers-Bügel, das volle Programm.
Der Aceman JCW steht jetzt vor mir, lädt an der Wallbox Solarstrom vom eigenen Hausdach und ist genau das, worauf ich gehofft hatte: kompakter als mein aktueller Countryman JCW, fünf Türen für die Praktikabilität, elektrisch, spritzig, JCW. Auf dem Papier mein nächstes Auto. Türe auf, rein, los. Und dann… ja. Dann fahren wir mal.

Was ist der Mini Aceman JCW eigentlich?
Ein vollelektrisches Crossover, gebaut im Joint Venture mit Great Wall Motor in China, das sich masslich exakt zwischen den Dreitürer-Cooper und den (mir mittlerweile zu grossen) neuen Countryman schiebt. 4,08 Meter lang, 1,75 breit, fünf Türen, fünf Sitze, Frontantrieb. Der JCW ist die Speerspitze: 258 PS (190 kW), 350 Nm, 0–100 in 6,4 Sekunden, abgeregelt bei 200 km/h. Die Batterie misst 49,2 kWh netto, die WLTP-Reichweite liegt bei 345 bis 355 Kilometern, geladen wird mit maximal 95 kW DC und 11 kW AC.
Wichtig für die Einordnung: Es gibt keinen Allrad. Die vollen 350 Nm gehen ausschliesslich auf die gelenkte Vorderachse. Und die Dauerleistung – also das, was nach dem ersten Antritt übrig bleibt – beträgt 102 PS. Das JCW-Badge sitzt hier mehr auf dem Fahrwerk und der Optik als auf einem souveränen Antriebsstrang oder extra schneller Ladeleistung. Merkt euch das, wir kommen darauf zurück.



Wie fährt sich der Mini Aceman JCW auf der Landstrasse?
Kurzer Blick auf die Gattung, denn ohne sie versteht man den Frust nicht. Ein John Cooper Works war nie ein Vernunftauto. Die Idee, die John Cooper 1961 in den klassischen Mini brachte, war immer dieselbe: maximaler Spass aus minimalem Auto. Leicht, frech, direkt, der berühmte „Go-Kart-Effekt“ – dieses Gefühl, mit dem Hosenboden zu lenken, auf der Hinterachse mitzulenken, das Auto auf der Strasse tanzen zu lassen. Genau dieses Versprechen hat mich durch zwei Jahrzehnte Mini begleitet, vom getunten Dreitürer bis zum Countryman JCW mit 306 PS.
Und der Aceman? Der will dieses Versprechen elektrisch einlösen. Auf perfektem Asphalt gelingt ihm das streckenweise sogar verblüffend gut.

Fangen wir mit dem Guten an, denn das gibt es ehrlich. Die Karosseriesteifigkeit ist eine Wucht. Das Batteriepaket im Unterboden verschweisst das Chassis zu einer beinahe monolithischen Einheit, die selbst in schnellen Wechselkurven keine spürbare Wankneigung zulässt. Und auf topfebenem Belag verkrallt sich die Vorderachse vehement im Radius. Die extrem spitze Lenkübersetzung zahlt hier voll ein: Der Turn-in erfolgt mit einer fast telepathischen Unmittelbarkeit, die das schwere Crossover für einen Moment leichtfüssig wirken lässt. Dazu ein latenzfreier, digital scharfer Antritt aus dem Inverter und eine vorbildlich abgestimmte Bremse – das Blending von Rekuperation zu Reibbremse ist nahtlos, der Druckpunkt knackig und sauber definiert. In genau diesen Momenten, auf genau diesem Asphalt, blitzt der JCW auf.
Aber – und jetzt kommt das grosse Aber – die Landstrasse im Schwarzwald ist kein Billardtisch. Und dann wird es schnell schwierig.
Erstens die Traktion. Wer am Kurvenausgang die 350 Nm voll abruft, erlebt, wie die Vorderachse unter der schlagartigen Krafteinleitung kollabiert. Das Lenkrad windet sich ruppig und eigenwillig in den Händen, die kurveninnere Flanke scharrt nach Grip. Es fehlt ein mechanisches Sperrdifferenzial, also greift Mini mit bremsbasiertem Torque Vectoring ein – und das fühlt sich nicht an wie ein homogenes Herausziehen, sondern wie ein abgehacktes Zusammenstauchen der Leistung. Der Fluss reisst ab. Genau das, was einen JCW ausmacht, wird hier digital weggeregelt.

Zweitens das Fahrwerk auf schlechtem Belag. Um die Rollneigung des hohen Aufbaus zu bändigen, hat Mini Federn und Dämpfer gnadenlos gestrafft. Auf Querfugen und Frostaufbrüchen reagiert das Chassis hölzern und stössig.
Drittens das Feedback. Trotz künstlich beschwerter, fleischiger Lenkung bleibt die Rückmeldung vom Reibwert der Vorderräder steril und stumm. Den nahenden Haftungsabriss spürt man nicht über feine Vibrationen, sondern erst, wenn die Front stumpf ins Untersteuern schiebt. Und das Heck? Bleibt stoisch in der Spur. Diese tänzelnde, mitlenkende Hinterachse, die einen echten Mini ausmacht, wird vom ESP und der Achsgeometrie im Keim erstickt. Lift-off, gezielter Lastwechsel, das Eindrehen vor dem Scheitel – Fehlanzeige. Der Aceman JCW bleibt nüchtern stabil. Sicher, ja. Spannend, nein.
Genau hier ist der Funke nicht übergesprungen. Ich habe es bewusst provoziert, ich kenne diese Strassen, ich kenne das Gefühl, das hier möglich sein müsste. Der Aceman liefert es nicht. Er ist kein typischer John Cooper Works: künstlich nervöse Lenkung, erbarmungslos hartes Fahrwerk, beides verspricht eine Querdynamik, die der Aceman wegen seines Gewichts, des störrischen Untersteuerns und der fehlenden Traktion nie einlöst.



Wie steht es um das Design?
Hier wird es versöhnlicher. Optisch ist der Aceman ein echter Mini, nur kantiger und bulliger interpretiert. Gefällt. Die spitz zulaufenden LED-Scheinwerfer mit individualisierbarer Lichtgrafik, der echte Unterfahrschutz vorne, die unlackierten Kunststoffschürzen an den Radhäusern – das wirkt robust und eigenständig.
Ein eigenes Kapitel verdienen die Räder. Auf unserem Testwagen drehen sich 18-Zöller im Design „JCW Rallye Spoke“ in Frozen Midnight Grey – feingliedrige Speichen, mattes Anthrazit mit fein polierten Kanten, ein unverhohlener Gruss an die Rallye-Minis vergangener Tage. Optisch der Höhepunkt des ganzen Autos, ich konnte mich kaum sattsehen. Nur: Diese Felgen schreien nach Schotter, Handbremse und Gegenlenken. Und genau da wird es bitter. Wer optisch die Rallye verspricht, sollte technisch liefern – eine angetriebene Hinterachse oder zumindest Allrad. Beides fehlt. So bleibt der schönste Rallye-Look der Klasse ein Versprechen, das ein reiner Fronttriebler nie einlösen kann.
Die Proportionen stimmen: Der Aceman sieht nach kompaktem Spass aus und genau das war ja meine Hoffnung – ein Mini, der wieder Mini-Format hat, nachdem mir der neue Countryman schlicht zu wuchtig geworden ist. In dieser Disziplin trifft Mini ins Schwarze.

Wie präsentiert sich der Innenraum?
Setzt man sich hinein, ist das Erste, was begeistert, dieses kreisrunde OLED-Zentraldisplay. Wunderbare Farbdarstellung, kontrastreich, gestochen scharf – im Hintergrund spürt man die BMW-Architektur, und das tut der Verarbeitung gut. Die Materialauswahl ist unkonventionell, texturlastig, farbenfroh, gut verarbeitet. Die Kippschalterleiste als Hommage ans Original, das Wireless Charging, das Head-up-Display, das harman/kardon-System mit sattem Klang, die JCW-Sportsitze in Stoff-Leder-Kombination mit rotem Mittelstreifen – gefällt.

Die JCW-Sportsitze sind gut. Die Kombination aus perforiertem Leder mit roter Kontrastnaht und gestrickten Stoffeinsätzen samt JCW-Logo sieht nicht nur klasse aus, sie hält auch: Die Seitenwangen sind ordentlich ausgeprägt, in schnellen Kurven wird man sauber im Sitz gehalten. Langstreckentauglich und sportlich zugleich – hier hat Mini wirklich sauber gearbeitet.
Und dann das Theater: eine knallrote BOOST-Taste hinter dem Lenkrad zaubert auf Knopfdruck einen visuellen Countdown samt synthetischem „Sonic Boom“-Soundgenerator. Beim ersten Mal grinst man. Beim zweiten Mal denkt man: Gib mir lieber ein Sperrdifferenzial. Für den Puristen ist dieses akustische Schauspiel deplatziert – es kaschiert, dass die echte Längsdynamik fehlt.









Wie schlägt er sich im Alltag?
Und ausgerechnet hier, fernab der Rennstrecken-Romantik, spielt er seine ehrlichste Karte. Fünf Türen, fünf Sitze, eine im Verhältnis 60:40 umklappbare Rückbank und bis zu 1’005 Liter Kofferraum – genau das, was ich mit Hund täglich brauche. Hündin Monza springt bequem hinten ein, das Gepäck fürs Wochenende passt, die Übersicht ist ordentlich, die 360-Grad-Kamera und der Parkassistent (inklusive Ein- und Ausparken per Smartphone) arbeiten sauber. Serienmässig an Bord ist eine Wärmepumpe, was der Effizienz bei Kälte spürbar hilft.

Wie weit kommt man – und wie schnell lädt er?
Die 49,2 kWh netto erlauben laut WLTP 345 bis 355 Kilometer. In der Praxis, vor allem mit JCW-Power und mit etwas Temperament, landet man eher zwischen 250 und 300 Kilometern. Der Werksverbrauch liegt bei 16,4 kWh, der Aceman ist grundsätzlich ein Effizienzwunder – solange man das Pedal nur streichelt.
Beim Laden enttäuscht der Aceman. Maximal 95 kW DC bedeuten rund 31 Minuten von 10 auf 80 Prozent – kein Highlight, die Konkurrenz ist oft schneller. AC lädt mit 11 kW, eine Vollladung dauert dann fünfeinhalb Stunden. Für die Garage zu Hause über Nacht (bei mir vom eigenen Dach) völlig genug, für den spontanen Roadtrip sind 95 kW ein limitierender Faktor.


Testfazit: Was bleibt nach dem Test mit dem Mini Aceman JCW?
Ich wollte diesen Aceman lieben. Ich bin durch und durch JCW-Enthusiast, vom getunten Dreitürer-Clubsport bis zum heutigen Countryman JCW und die Idee eines kompakten, fünftürigen, elektrischen Mini mit dem grossen John Cooper Works Logo war exakt mein Plan für das nächste Auto. Umso ehrlicher muss ich sein: Der Funke ist nicht übergesprungen.
Der Aceman JCW ist kein filigranes Track-Tool und auch kein echter Go-Kart-Erbe. Er ist ein urbanes, modisches Crossover mit einer künstlich auf links gedrehten Dynamik – kompromisslos hartes Fahrwerk, das in scharfem Kontrast zur fehlenden Längsdynamik und reinen Frontantriebs-Traktion steht. Auf Billardtisch-Asphalt blitzt er auf, auf echter Landstrasse stuckert und untersteuert er sich um genau das Gefühl, für das man einen JCW kauft.
Und doch wäre es unfair, ihn schlechtzureden. Als praktischer, effizienter, stylischer Stadt- und Familien-Mini mit fünf Türen ist der Aceman richtig gut. Beim nächsten Anlauf gerne mit Allrad und einer Hinterachse, die wieder mittanzen darf.
Unser Verbrauch lag im Schnitt bei rund 18,6 kWh. Der Basispreis für die JCW-Variante liegt bei CHF 46’970, unser Testwagen in Indigo Sunset Blue bei CHF 51’270.
Der Elektrosportwagen.ch-Konfigurationstipp: Aussenfarbe Chili Red, Dach Schwarz, JCW-Rallyestreifen in Schwarz, Innenraum JCW Sport mit roten Akzenten.

Technische Daten – Mini Aceman JCW
| Technische Daten | Mini Aceman JCW |
|---|---|
| Antrieb | Frontantrieb (PSM, Vorderachse) |
| Leistung | 190 kW (258 PS) |
| Dauerleistung | 75 kW (102 PS) |
| Drehmoment | 350 Nm |
| 0–100 km/h | 6,4 s |
| Top Speed | 200 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| Batteriekapazität | 54,2 kWh brutto / 49,2 kWh netto |
| Verbrauch (WLTP) | 16,4 kWh / 100 km |
| Verbrauch (Test) | 18,6 kWh / 100 km |
| Reichweite (WLTP) | 345–355 km |
| Reichweite (Praxis) | 250–300 km |
| Ladeleistung | 11 kW AC / 95 kW DC |
| Ladezeit (10–80 %) | ca. 31 min (DC) |
| Gewicht | ca. 1’750 kg |
| Länge / Breite / Höhe | 4,08 / 1,75 / 1,50 m |
| Kofferraumvolumen | ca. 300 l / bis 1’005 l (umgeklappt) |
| Preis Schweiz | ab CHF 46’970, Testwagen CHF 51’270 |
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