Nach Monaten der Teaser-Kampagne hat Ferrari nun den Luce offiziell enthüllt – den ersten vollelektrischen Sportwagen aus Maranello. Wir haben bereits über das Interieur und die Namensgebung berichtet. Jetzt liegen der vollständige Pressetext und die ersten offiziellen Bilder vor – und sie werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Ein historischer Bruch – nicht (nur) wegen des Antriebs
Die spannendste Nachricht zum Luce steht nicht im technischen Datenblatt. Sie steht zwischen den Zeilen: Erstmals in der jüngeren Geschichte stammt das Design eines Serien-Ferrari nicht aus dem Centro Stile von Flavio Manzoni. Ferrari hat das Projekt an LoveFrom übergeben – das Kreativ-Kollektiv von Jony Ive und Marc Newson, das bisher vor allem für seine Arbeit mit OpenAI und ehemals Apple bekannt ist.
Dass eine 79 Jahre alte Marke wie Ferrari die visuelle Identität ihres wichtigsten Zukunftsprodukts an ein externes Studio auslagert, erklärt vieles an dem, was man auf den ersten Bildern sieht. Unsere Lesart: Ferrari positioniert den Luce erkennbar auch für eine jüngere, internationale und stark asiatisch geprägte Käuferschaft.

Das Design wird die Ferrari-Community spalten
Wir sagen es so neutral wie möglich: Die Proportionen des Luce brechen bewusst mit dem klassischen Ferrari-Kanon. Statt der gewohnten flachen, gestreckten Silhouette eines GT zeigt der Luce eine fast schon Crossover-artige Höhe, ein dominantes Glashaus, das laut Ferrari als „uncompromised, shell-like form“ definiert wurde und schwebende Front- und Heck-Flügel, die sich vom Hauptkörper abheben.
Die Halo-Rückleuchten zitieren erkennbar 360 Modena und 458 Italia – das funktioniert. Die Frontpartie hingegen wirkt eigentümlich anonym, fast Tesla-nah, ohne wiedererkennbare Ferrari-Sprache. Die hier gezeigten Felgendesigns – ein offener Fünfspeicher und eine Turbinen-Felge in Wagenfarbe – fallen sofort auf. Mit 23 Zoll vorne und 24 Zoll hinten sind es die grössten Räder eines Serien-Ferrari überhaupt.
Ob das gelungen ist, muss jeder für sich entscheiden. Unsere Einschätzung: LoveFrom hat hier sichtbar einen Apple-Designansatz auf ein Automobil übertragen – Reduktion, klare Volumen, „honest materials“. Das ist konsequent. Ob es zu Ferrari passt, ist eine andere Frage.





Die Technik ist ohne Wenn und Aber zeitgemäss
Wo der Luce optisch polarisiert, ist er technisch über jeden Zweifel erhaben:
- Vier Elektromotoren (zwei pro Achse, je einer pro Rad), F80-derivierte Permanentmagnet-Synchronmaschinen mit bis zu 30’000 U/min vorne
- 1050 PS Systemleistung, 0–100 km/h in 2,5 Sekunden, 0–200 in 6,8 Sekunden, Vmax über 310 km/h
- 122 kWh Brutto-Batterie, 800-V-Architektur, Schnellladen mit bis zu 350 kW
- Reichweite über 530 km (Schätzung, Homologation läuft)
- Aktive Hydraulik-Federung aus dem F80, mitlenkende Hinterachse, neue Vehicle Control Unit mit 200 Hz Aktualisierungsrate
Beim Sound geht Ferrari einen eigenen Weg zwischen den Extremen. Während BMW (Hans Zimmer) oder AMG mit dem AMG GT 4 Door Electric vollsynthetische Klänge generieren, nutzt der Luce einen Beschleunigungssensor an der Hinterachse, der die realen Vibrationen der rotierenden Komponenten abnimmt. Dieses Signal wird dann – Ferrari vergleicht es explizit mit einer E-Gitarre – gefiltert, equalisiert und verstärkt. Ausgegeben wird der Sound über ein internes und ein externes Verstärkungssystem; das Auto ist also bewusst auch von aussen hörbar gemacht. Im „Range“-Modus bleibt der Luce ruhig, im „Perfo“-Modus wird die akustische Expressivität voll ausgespielt, modulierbar über die Paddles. Das Ergebnis ist nicht akustischer Purismus, aber zumindest ein Sound mit realer Quelle – ein Mittelweg, der zur Marke passt.

Was im Pressetext fehlt
Auffällig: Ferrari kommuniziert keinen Preis. Man munkelt um die 550’000 EUR geht es los. Auch der konkrete Marktstart bleibt offen – nur ein „Production begins“ wird ohne Datum angedeutet. Bei einem Auto dieser Tragweite ist das ungewöhnlich. Die 530 km Reichweite sind für ein 2026er-Modell dieser Klasse zudem solide, aber nicht klassenführend – ein Lucid Air Sapphire oder Porsche Taycan Turbo GT bieten in vergleichbaren Disziplinen kompetitivere Werte beim Verbrauchs-/Reichweiten-Verhältnis.




Fazit
Der Ferrari Luce ist der mutigste Markenschritt seit Jahrzehnten. Maranello hat sich entschieden, beim wichtigsten Zukunftsprodukt nicht nur die Antriebsphilosophie zu verändern, sondern auch die Designhoheit teilweise aus der Hand zu geben. Beim Innenraum waren wir sehr begeistert – das Aussendesign schockiert uns auf den ersten und zweiten Blick.
Ob der Luce als „Ferrari 360°“, wie ihn John Elkann nennt, oder als optisch missverstandener Brückenkopf in eine elektrische Zukunft in Erinnerung bleibt, werden die ersten Auslieferungen und vor allem die Reaktionen der Bestandskunden zeigen.